In einem Leserbrief antwortet Lilian Siderius auf den Leserbrief „Warum der Martinstag seinen Namen behalten sollte“ von Sascha Schneider
Sascha Schneider vermisst den Martinstag – und mit ihm, so scheint es, ein Stück Heimat. Laternen, Lieder, das Teilen des Mantels: ein schönes, warmes Ritual aus Kindertagen. Wer kann das nicht nachvollziehen? Doch die Schlussfolgerung, dass ein „Lichterfest“ ein Symbol kulturellen Verfalls sei, ist weniger romantisch als populistisch.
Herr Schneider schreibt, nicht die (religiöse) Geschichte, sondern der Name mache das Fest aus. Ich behaupte das Gegenteil: die Geschichte macht es aus, nicht der Name. Wenn also heute in Kindertagesstätten oder Schulen vom „Lichterfest“ gesprochen wird, geschieht das nicht aus Ablehnung der Werte oder unserer Traditionen. Es ist vielmehr ein Versuch, allen Kindern – unabhängig von Religion, Herkunft oder familiärem Hintergrund – einen Platz in diesem Fest zu geben. Das Licht, das geteilt wird, soll für alle leuchten dürfen.
Niemand verbietet, die Geschichte des heiligen Martin zu erzählen (im Gegenteil!), er bekommt nur ein noch offeneres Gewand. Mitgefühl und Menschlichkeit brauchen keinen Heiligenschein, um leuchten zu können. Denn: die gute Message bleibt, egal wie der „Name“ lautet.
Populismus lebt von Vereinfachung. Von der Vorstellung, es gäbe ein „Früher“, das rein und unverfälscht war – und ein „Heute“, das durch Rücksicht zerfällt. Diese Erzählung funktioniert gut, weil sie Emotionen anspricht. Aber sie blendet aus, dass Wandel kein Verrat ist, sondern Normalität. Ich glaube, dass Traditionen lebendig bleiben, wenn sie sich mit der Zeit wandeln dürfen. Traditionen verschwinden nicht, wenn sie sich wandeln. Sie verlieren nur dann ihren Glanz, wenn man sie zum Symbol einer Angstdebatte macht.
Wer also im tiefsten Inneren den „Martinstag“ wirklich bewahren will, sollte ihn teilen – so wie Martin seinen Mantel teilte: großzügig, menschlich und ohne Angst, dass ein Stück davon verloren geht.
Lilian Siderius
Erlensee
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