Bürgermeister Stefan Erb feiert 20-jähriges Dienstjubiläum

(ms/ea) – Seit 1. Februar 2002 ist Stefan Erb Bürgermeister von Erlensee. Im Interview mit Erlensee Aktuell blickt er auf die vergangenen 20 Jahre seiner Dienstzeit zurück.

20 Jahre Bürgermeister von Erlensee, eine Zeit, in der aus der Gemeinde eine Stadt wurde und eine Zeit, in der sich so viel verändert hat, wie nie zuvor in der Geschichte von Erlensee. Unabhängig von den wirtschaftlichen und politischen Veränderungen: Was ist das für Sie ganz persönlich Prägende, wenn Sie auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicken?

Natürlich die Menschen. Das sind selbstverständlich die vielen Weggefährten, die ich kennenlernen durfte und die mich völlig unabhängig von Parteizugehörigkeiten begleitet haben. Oft mehrere Abende pro Woche. Leider sind auch einige von ihnen nicht mehr unter uns. Alles prägende Charaktere und einfach tolle Menschen, die als Ehrenamtliche ihre Freizeit opfern und mit Eifer und Freude den Ort voranbringen, zukunftssicher machen, ohne den eigenen Vorteil zu sehen, also auch mit der richtigen Motivation bei der Sache sind, um die es geht: Das Beste für Erlensee erreichen zu wollen.

Man spricht oft vom „Wandel der Gesellschaft“. Wie zeigt sich dieser in Erlensee?

Das Erste, was mir zu dieser Frage einfällt: Der Wandel der Gesellschaft zeigt sich unter anderem in der Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren. Zwar sind viele weiterhin überaus bereit, sich ehrenamtlich zu engagieren, aber Ehrenämter, die verbindliche Zeiten und Regeln mit sich bringen, sind klar auf dem Rückzug. Das hat wohl an erster Stelle etwas mit dem sog. Freizeitstress zu tun, also Zeitmangel zu tun.

Wenn Sie mich bezogen auf die letzten zwei Jahrzehnte nach „gesellschaftlichem Wandel“ fragen, muss ich leider antworten, dass der Ton rauer geworden ist. Für mich ist Respekt vor jedem Menschen ein schützenswertes Gut an sich. Aber auch dieser Punkt unterliegt einem Wertewandel, der leider nicht in die gute Richtung geht. Anfeindungen und destruktive Pöbeleien haben stark zugenommen, insbesondere auch in den sozialen Medien, in denen jedermann, teilweise anonymen, aber auch offenen Beschimpfungen ausgesetzt ist. Bei Licht betrachtet sind das sogar oft strafbare Handlungen im Sinne von Verleumdung und übler Nachrede, aber das führt hier zu weit.

Im Laufe der 20 Jahre bin ich in diese negative Entwicklung hinein gewachsen und habe auch deshalb diesbezüglich ein dickes Fell. Ich bin mir aber bewusst darüber, dass für jemanden, der sich für ein politisches Amt interessiert, um dort Verantwortung zu übernehmen, dies ein bedrückendes Thema ist und er sich verständlicher Weise fragt, aus welchem Grund er sich diesem Stress aussetzen sollte. Ich beobachte das ja auch persönlich: Das schreckt mittlerweile leider so manchen ab, Flagge als Kommunalpolitiker für seinen Wohnort zu zeigen und zu engagieren.
Jetzt sind wir bei dieser Frage bei der Politik gelandet – wahrscheinlich beschäftigt mich die gerade. (lacht)

Naja, es hängt ja auch ernsthaft mit einem der aktuell wichtigsten Themen, der Bürgerbeteiligung zusammen. Es wird immer schwieriger, die Menschen für politische Arbeit zu begeistern. Das liegt meines Erachtens unter anderem an der hohen zeitlichen Beanspruchung, der wir alle unterliegen. Man will dann einfach abends nicht mehr auf klassische Bürgerversammlungen oder in öffentliche Sitzungen gehen. Aber auch andere Informationskanäle werden nicht genutzt oder beachtet. Ich versuche immer, die Informationen transparent und verständlich rüberzubringen. Das wird aber auch immer schwerer, da viele aufgrund der Schnelllebigkeit der Zeit nicht mehr lange Texte lesen, sondern sich mit Überschriften zufriedengeben. Verständnisfragen und Fragen innerhalb einer öffentlichen Sitzung bleiben aus. Sichtbar wird dies auch immer mal wieder, wenn in den sozialen Medien ein Sachverhalt positiv dargestellt wird und dieser auch viel Zustimmung erfährt, und dieser dann durch einen einzigen negativen und unbegründeten Kommentar sofort ins Gegenteil umgekehrt wird.

Und ein letztes zur Mitarbeit in den Gremien: Auch wenn noch „obendrauf“ kommt, dass die Grenzen der eigenen Gestaltungsmöglichkeiten immer enger gezogen werden, weil Aufgaben zugewiesen werden, das Geld aber fehlt, dennoch der Aufruf von mir mitzumachen! Bürgerbeteiligung ist ohne funktionierende Gremien in einer repräsentativen Demokratie nur halb so erfolgversprechend.

Was macht das Positive am Bürgermeisteramt aus?

Es gibt wohl nur wenige Berufe, die so abwechslungsreich sind wie der des Bürgermeisters. Es begegnen einem alle möglichen Themen von pädagogischen Konzepten bei der Kinderbetreuung über neue Techniken in der Bauwirtschaft, von Ärzteversorgung über Finanzen bis hin zu Fragen der Öffentlichen Sicherheit, um nur Ausschnitte des gesamten Spektrums zu nennen. All das spiegelt sich auch in der Arbeit der Verwaltung wider.

Darüber hinaus faszinieren mich aber auch immer wieder die ganz normalen Dinge des Alltags, z.B. wenn mir ein Mitglied eines Vereins sein Hobby erklärt. Bei solchen und anderen Gelegenheiten bekomme ich Einblicke, die ich sonst wohl nicht bekäme und bei denen man oft nur staunen kann. Und das Schöne daran ist doch, dass man ja tatsächlich wie sprichwörtlich „nie auslernt“.

Ich bleibe neugierig und erhalte mir die Nähe zu den Bürgerinnen und Bürgern und deren Bedürfnissen. Ich erlebe die Veränderungen in der Erlenseer Gesellschaft. So entstand zum Beispiel die Idee für den neuen Bürgerpark.

Bei Allem steht natürlich der Kontakt zu vielen Menschen im Mittelpunkt. Und wenn ich dann jemandem helfen kann, wenn ich einem Menschen eine Hürde in seinem Leben aus dem Weg räumen kann, ist das für mich etwas ganz besonderes und mindestens genauso schön wie der Abschluss eines großen Bauprojekts.

„Große Bauprojekte“ ist das Stichwort. Was in den letzten 20 Jahren gebaut wurde, welche Firmen angesiedelt wurden, das alles aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Dennoch: Wie sieht Ihre Zusammenfassung aus?

Die Stadtwerdung im Jahr 2012 und die Entwicklung des Fliegerhorstes sind die Projekte, die am ehesten hier genannt werden müssen. Es gibt jedoch für mich auch Highlights, über die ich mich freue, weil wir trotz teils heftiger Auseinandersetzung mit Bürgerinnen und Bürgern zeigen konnten, dass wir ihre Sorgen ernst nehmen und unsere Versprechen halten. Dazu zählen der Bau des Toom-Baumarkts und auch die Umgestaltung des Erlenwäldchens. Die im Vorfeld geäußerte Befürchtung, dass das gesamte Wäldchen bebaut wird, haben wir entkräftet. Bei diesen und anderen Vorhaben stand am Ende, dass Wort gehalten wurde. Das ein oder andere Mal kam dann schon auch mal ein ehemaliger „Gegner“ eines Projekts und räumte ein, dass es nun doch gut gelungen sei.

Projekte, die mich bis heute sehr freuen, sind die wunderbare Gestaltung des Römerspielplatzes mit dem, was dort nun auch an Gemeinwesenarbeit vor Ort stattfindet, der Rückbau der Leipziger Straße und aktuell der Bau des Limesparks. Auch das Haus Rosengarten gehört zu meinen persönlichen „Glücklichmachern“: Eine tolle Einrichtung mit ihrem besonderer Hausgemeinschaftskonzept. Hier geht es einfach menschlicher zu als in den Einrichtungen mit herkömmlichen Konzepten. Zum Glück schauen mittlerweile andere ab, aber vor jetzt knapp 15 Jahren war das in der Tat wegweisend.

Und es ist mir an der Stelle sehr wichtig zu sagen, dass es immer mein Anliegen war, unser Hallenbad für unsere Bürgerinnen und Bürger zu erhalten. Auch in der aktuellen Haushaltsdebatte mit allen Defiziten, ausgelöst durch die immensen Kosten der Kinderbetreuung, durch diese und weitere Vorgaben der Bundes und unserer Landesregierung und letztlich durch die aktuellen Investitionen an allen Ecken und Enden anhand der Tatsache, dass die Mehrzahl unserer Gebäude und wesentliche Teile der sonstigen Infrastruktur nun mit 50 oder 60 Jahren sanierungsbedürftig sind.

Natürlich waren auch die Ansiedlungen von namhaften Firmen Meilensteine und schöne Erfolge, aber die gerade aufgezählten Projekte gehören eben doch eher zu meinen Herzensangelegenheiten.

Was haben Sie als Bürgermeister für die nächsten 20 Jahre geplant?

20 Jahre werde ich das Bürgermeisteramt mutmaßlich nicht mehr ausführen, aber mit 48 Jahren denke ich natürlich auch noch nicht ans Aufhören, warum auch. Für mich ist das eine Tätigkeit oder teils auch eine Berufung, die man aus Überzeugung ausübt, sonst würde es einfach keinen Spaß machen. Sich bei diesem Job missmutig auf die Arbeit zu quälen, würde auch nach außen hin nicht funktionieren.

Wenn Schulklassen zu Besuch kommen, werde ich oft gefragt, ob ich schon als Kind Bürgermeister werden wollte. Dann muss ich immer antworten: Nein, aber es hat sich so ergeben und nach 20 Jahren kann ich sagen, es scheint zu passen. Meine Motivation ist stets, das Beste für Erlensee zu erreichen. Und wenn man das gerne macht, dann ist es auch nicht schlimm, wenn man oft keinen Feierabend hat.

Für die kommenden Jahre freue ich mich, dass das Wachstum jetzt ein Ende haben darf. Die vielen Neubürger müssen erst einmal richtig ankommen und sich in das Stadtleben integrieren.
Erlensee ist in den letzten 20 Jahren von 12.000 auf 16.000 Einwohner angewachsen. Es braucht alles erst einmal Zeit, so wie die Bäume in den Vorgärten Zeit zum Wachsen brauchen und sich alles entwickeln muss.

Ansonsten gilt für mich die nächsten Jahre weiterhin die Grundausrichtung, dass ein Bürgermeister grob gesprochen auf den folgenden drei Säulen „ruhen“ und sich um sie gleichermaßen kümmern muss: Die Bürgerinnen und Bürger, die Politik und das Team der Stadtverwaltung mit seinen Außenstellen. Ohne diese drei genannten Säulen würde im Umkehrschluss ja auch gar nichts funktionieren. Es ist doch jedem klar, dass ich kein Alleinherrscher bin und selbst nur zwei Hände habe.

Daher möchte ich gerne allen, allen, allen ein herzliches Dankeschön für ihre Unterstützung und ihr tägliches Engagement aussprechen. Bei den Bürgerinnen und Bürgern, die ja letztlich als Wählerinnen und Wählern ja nunmehr viermal unabdingbar waren. Bei der Politik ausdrücklich bei allen unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, die in Erlensee mitgestaltet haben. Bei allen Beschäftigten der Stadt, die Großartiges leisten und auf die immer Verlass ist. Alles, was Stadt bewegt ist eine Teamleistung!

Weil das Beste immer zum Schluss genannt wird: Das alles kann ich aber nur machen, weil ich eine liebe Ehefrau und eine tolle Familie und hier in Erlensee ein wunderbares Zuhause habe.

Vielen Dank für das Gespräch

(Die Fragen stellte Markus Sommerfeld)

 

Auswahl der in den letzten 20 Jahren fertiggestellten Projekte

2002

Gründung Team Kinder- und Jugendarbeit in Erlensee

2003

Rückbau Leipziger Straße OST inkl. Wasserwerkskreisel
Dorferneuerung Langendiebach: Fallbachstraße

2004

Spielplatz Neubaugebiet vor dem Neuen Friedhof

2005

Römerspielplatz
Calaminuspark
Dorferneuerung Langendiebach: Kirchenvorplatz

2006

Dorferneuerung Langendiebach: Regenbogenhaus Friedrich-Ebert-Straße 23
Erlenpark inkl. „Baugebiet“ Sandweg und Gelbwiese

2007

Dorferneuerung Langendiebach: Umgestaltung Alter Friedhof

2008

Rückbau Leipziger Straße WEST inkl. Handels- und Limeskreisel
Umsiedlung toom-Baumarkt inkl. Kreisel

2009

Märkte REWE, Rossmann, AWG (Leipziger Straße)
Gewerbepark A 45 – Honda Academy Europe
Erweiterung Feuerwehrgerätehaus Rückingen
Anschluss der Neuberger Abwässer an die Kläranlage
Rundhotel, Betreutes Wohnen Martin Luther Stift
Rathausplatz
Altenpflegeheim Benevit Haus Rosengarten

2010

Selbsthilfe Körperbehinderter, Integrativer Wohnpark II, Am Rathaus
Kinderkrippe Hummelburg
Baugebiet Bruchacker
Märkte LIDL, logo, NKD, Tedy
Start Familienbus

2011

Gründung Zweckverband Entwicklung des Fliegerhorstes mit Bruchköbel
Start des Wasserbüffelprojekts
Sanierung Hallenbad
Gründung Bürgerverein Soziales Erlensee

2012

Erlensee wird Stadt
Gewerbepark A 45: Autohof
Gewerbepark A 45: Dachser SE

2013

Gewerbepark A 45: Fenthols
Fliegerhorst: Kauf 100 ha von BImA
Erlensee wird Fairtrade-Stadt

2014

Umgehungsstraße L 3193
Fliegerhorst – Zufahrt
Gewerbepark A 45: Heinemann

2015

Gewerbepark A 45: McDonalds
Fliegerhorst: Dachser Food Logistics
KiTa Friedensstraße
Bewältigung der Flüchtlingsunterbringung

2016

Fliegerhorst: DS Smith

2017

Fußballzentrum
Baugebiet Kreuzweg

2018

Einführung der städtischen Anerkennungsprämie für Freiwillige Feuerwehr
Stadtbücherei Neukonzeption
Schulsportanlage
REWE Reising

2019

Kauf Evangelisches Gemeindehaus Fröbelstraße
Baugebiet Im Büchensaal
Baugebiet Neue Mitte II inkl. Hotel
Kinderkrippe Nelly-Sachs-Straße

2020

Wasserbüffelbrunnen
Lise-Meitner- und Otto-Hahn-Straße
Betriebsaufnahme Fa. Spitzke

2021

LIDL-Zentrallager in Betrieb
Natur-KiTa 1. Bauwagen im Limespark in Betrieb
Spatenstich DHL
Grundsatzbeschluss Kernsanierung Rathaus
Spatenstich Süd-Ost-Anbindung Fliegerhorst
Selbsthilfe Körperbehinderter, Integrativer Wohnpark III

Insgesamt wurden in den letzten 20 Jahren Baugebiete auf einer Fläche von rund 42,4 ha und Gewerbegebiete auf einer Fläche von rund 158,4 ha entwickelt.

Foto-Rückblicke

 

 

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