„Hätte Bach KI benutzt?“ und „Ist KI kreativ?“ – Prof. Günther Wess liefert Antworten in seinem Vortrag zur Musik der Zukunft

(ms/ea) – Über 100 Gäste konnte am Dienstagabend Werner Bayer, Ehrenvorsitzender der Interessengemeinschaft Hanauer Altstadt e.V. (IGHA), in der Hanauer Marienkirche zur Vortragsveranstaltung „Bach, Beatles und KI“ begrüßen, die in Kooperation mit der ev. Stadtkirchengemeinde durchgeführt wurde. In einer Kombination von Vortrag und Musik wurden Veränderungen der Musikwelt durch KI verständlich erläutert, die am Ende nachdenklich machten.

Prof. Günther Wess stellte in seinem Vortrag die Themen Musik und Technologie, traditionelle Komposition im Vergleich zu von KI erzeugter Musik, sowie Musik und Wohlbefinden in den Mittelpunkt. Ergänzend zum Vortrag wurden verschiedene musikalische Collagen dargeboten. Dazu begleitete er die Sängerin Christiane Enders am Flügel. Basis dieser Collagen waren Stücke von Johann Sebastian Bach, den Beatles, Miles Davis, Keith Jarrett, Herbie Hancock und Bill Evans. Diese wurden musikalisch auf ihren melodischen und harmonischen Kern dekonstruiert und dann wie in einem Puzzle, verschiedene Motive zu einem neuen Stück improvisatorisch zusammengesetzt. So wurde die Vielfalt von Stilen und Epochen überbrückt und zu einem neuen Klangerlebnis vereinigt.

Gleich zu Beginn seines Vortrags beantwortete Prof. Günther Wess die Frage, ob Bach KI benutzt hätte, mit einem klaren Ja, denn er sei – in heutigen Worten – ein Technik- und Zahlenfreak gewesen.

Als ein Beispiel für Technik und Musik nannte er die Orgel mit ihren beeindruckenden Klängen. An ihr lasse sich in der Entwicklung über die Zeit das Wechselspiel der Technik mit den verschiedenen Kompositionen gut erkennen. Später seien elektronische Instrumente dazugekommen. Die Beatles hätten beispielsweise für ihre späten Schallplatten die damals modernsten Aufnahmetechnologien genutzt.

„Bei allen Entwicklungen waren immer die Künstler Herr der Verfahren“, betonte Prof. Wess.

Ein weitere wichtige Entwicklung um das Jahr 1000 herum sei die Notenschrift gewesen, später habe der Notendruck einen eigenen Markt geschaffen. Unter anderem hätten somit Haydn, Mozart und Beethoven Partituren verkaufen können. Das Bürgertum habe Musik als identitätsbildendes Element nicht nur gehört, sondern auch selbst gemacht. Zudem habe sich ein Markt für Instrumente gebildet.

Durch die Entwicklungen im Bereich der Elektronik seien beispielsweise Lautsprecher, Schallplatten und Musikdateien entwickelt worden. 2001 sei der iPod geschaffen worden, jeder habe Songs in der Hosentasche immer bei sich haben können. Während die Schallplatte langsam an Wert verloren habe, seien Streaming und Youtube an deren Stelle getreten. Mit dem iPod sei es im Jahr 2021 vorbei gewesen, seitdem werde Musik, die immer und überall verfügbar sei, immer mehr mit Ohrstöpseln über das Handy gehört.

2024 seien die ersten von KI erzeugten Musikstücke bekannt geworden. „Im Jahr 2025 sind über 50.000 Titel von KI täglich hochgeladen worden“, so Prof. Wess, der darauf hinwies, dass es seitdem immer mehr zu einer Monopolbildung weniger Firmen komme mit der Folge der Erosion der Musikwelt. „Musik ist nichts mehr wert“.

Dauerbeschallung, Lärmverschmutzung, Missachtung von Urheberrechten und prekäre Verträge von Künstlern prägten die heutige Situation.

Bei einer traditionellen Komposition werde die eigene Idee in Noten aufgeschrieben. Diese könne man anhand der Notenschrift lesen. Viele Variationen von wenigen Noten führten zu persönlichen Kompositionen mit neuen Stilrichtungen, bei denen auch der status quo verlassen worden sei. Als ein Beispiel für Vielfalt wurde die Kunst der Fuge von Bach genannt. Auch andere Beispiele wie die Entwicklung der Zwölftonmusik und neue Richtungen im Jazz wurden genannt.

Die eigene, persönliche Komposition, durch den eigenen Willen geschaffen, stehe im absoluten Gegensatz zu von KI erzeugten Musikstücken.

„Die KI ist eine Maschine, die KI ist kein Mensch!“ betont Prof. Wess, und ergänzt, dass KI trainiert werde hinsichtlich Mustererkennung in der digitalisierten Musik: „KI hat keinen Musikgeschmack, KI ist nicht kreativ, durch KI kommt nichts Neues“.

Prof. Wess forderte ein Gütesiegel für vom Menschen komponierte Musik, um diese von KI generierter Musik deutlich zu unterscheiden. „Wir müssen lernen, mit KI richtig umzugehen“.

In Deutschland gebe es noch eine vielfältige Chor- und Orchesterlandschaft, Kirchenmusik und zahlreiche Hobby- und Amateurmusiker. Für fundierte Geschmacksurteile über die Musik sei allerdings entsprechende Bildung unerlässlich.

Abschließend ging er noch auf die therapeutische Anwendung von Musik ein. In Kronberg sei beispielsweise ein Institut für Musiktherapie geplant. Die Hirnforschung sei jedoch immer noch ganz am Anfang. Bestimmte Gene für Musikempfindungen, die unter anderem Wohlempfinden auslösen, seien bis jetzt nicht bekannt.

Werner Bayer fasste zum Schluss noch einmal das Fazit prägnant zusammen, wonach KI-generierte Musik wie in einem Betonmischer durchgemischt erscheine, wobei am Ende aber nichts Neues herauskomme. Er und Pfarrerin Milina Reichardt-Kahn dankten Prof. Günther Wess und Christine Enders herzlich und wünschten eine Fortsetzung der Veranstaltung zu diesem Musikthema in absehbarer Zukunft.

Auf dem Titelfoto: Christiane Enders und Prof. Günther Wess

Bericht und Fotos: Markus Sommerfeld

 

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