Leserbrief als Antwort auf den Leserbrief von Stadtrat Wolfgang Gierhake (SPD) zum Wahlauftritt der Partei FREIE WÄHLER Erlensee

Marcus Müller reagiert in seinem Leserbrief auf den von Stadtrat Wolfgang Gierhake, nachdem er auf sein Schreiben an die Erlenseer Stadtverordneten und Vertreter im Kreistag keinerlei Rückmeldung erhalten hatte.

In dem genannten Leserbrief von SPD-Stadtrat Wolfgang Gierhake wird kritisiert, dass sich eine Partei auf Wahlkampfplakaten lediglich auf die Sanierung des Rathauses und die Schließung des Hallenbades konzentrieren würde. Ehrlich gesagt, sind diese Themen auch Steilvorlagen, wie sie besser nicht sein könnten: Wenn Parteien und Politiker den Eindruck erwecken, dass ihnen die eigenen Sitzungssäle wichtiger sind als die Schwimmausbildung der Kinder und Trainingsstätten von Vereinen, wäre es verwunderlich, wenn das bei politischen Konkurrenten keine Beachtung finden würde.

Ob die Betonung, dass man sich die Entscheidungen nicht leicht gemacht hätte, die Sache besser macht, wage ich zu bezweifeln. In meinem Schreiben an die Stadtverordneten und Vertreter im Kreistag hatte ich das Rathaus und das Hallenbad unter dem Punkt „Strategie bei (Investitions-)Projekten“ ebenfalls angesprochen. Dabei ging es mir keineswegs darum, die Entscheidungen INHALTLICH anzuzweifeln, sondern zu verstehen, WIE die Entscheidungen getroffen wurden (Methodik oder gerne auch Moral): Auf der einen Seite erzählt die Politik, welchen Freizeitwert und wie schön grün und blau Erlensee werden soll (https://www.erlensee.de/portal/pressemitteilungen/stadtplanung-zukunftsvisionen-fuer-die-leipziger-strasse-werden-am-26-maerz-im-neuen-loewen-vorgestellt–900001938-32880.html), auf der anderen Seite offenbaren die Handlungen den Ausbau der Verwaltung und eine deutliche Vorliebe zu grau.

Sollten die in dem Leserbrief angesprochenen 1,5 Mio.€/a Defizit des Hallenbades der Auslöser für die Entscheidung(en) gewesen sein, gilt es, diese Zahl etwas genauer einordnen:

1. Um das oben referenzierte Zielbild („Vision“) der Stadt Erlensee zu erreichen, sind 1,5 Mio.€ pro Jahr augenscheinlich „Peanuts“.

2. Der Grundsteuerhebesatz hat sich in den letzten 10 Jahren mehr als verdoppelt. Wieviel Prozent mehr Steuer müsste denn gezahlt werden, wenn das Hallenbad in Betrieb geblieben wäre? Wären es 50% mehr, noch einmal 100% mehr oder vielleicht doch nur 3% mehr? Fest steht, dass die Grundsteuer nach Schließung des Bades nicht gesenkt wurde.

3. In meinem Ursprungsschreiben habe ich hochgerechnet (Punkt 6 von 9), dass die politische Entscheidung, einen Breitbandausbau der Deutschen Telekom zugunsten der Breitband Main-Kinzig GmbH über den Verwaltungsweg zu verhindern, die Erlenseer Bürger durch erhöhte DSL-Tarife etwa 1 Mio.€ pro Jahr zusätzlich kosten dürfte. Der „eigenverantwortliche Breitbandausbau“ durch den Main-Kinzig-Kreis wird von der Lokalpolitik als „Erfolgsprojekt“ deklariert, d.h. Mehrausgaben in Höhe von 1 Mio.€/Jahr liegen sachlich betrachtet weit unter deren „Schmerzgrenze“.

4. Hinsichtlich der Rathaussanierung als solches: Heute (im Jahr 2026) ist die Stadt Erlensee (im Gegensatz zum Baujahr des Rathauses 1970) gesetzlich verpflichtet, Verwaltungsleistungen digital über Verwaltungsportale anzubieten (Onlinezugangsgesetz). Um die gesetzlichen Mindestaufgaben einer Kommunalverwaltung heutzutage abzubilden, ließe sich das Rathaus wohl auf den Umfang einer McDonalds- oder Bankfiliale reduzieren.

Hier die „Vision“: Über Self-Service-Terminals im Eingangsbereich können die Bürger, die nicht auf eigenen Geräten erfassen können oder wollen, ihre Anträge selbst erfassen. Alternativ können die Bürger ihre Anliegen auch von einem Sachbearbeiter am „Bestellannahmeschalter“ aufnehmen und erfassen lassen. An der „Warenausgabe“ bekommen die Bürger schließlich ihre „Produkte“ (Personalausweise etc.) ausgehändigt. Statt einer Küche gibt es im Hintergrund einige wenige Flex-Arbeitsplätze, um vor-Ort-Arbeiten erledigen zu können und Außentermine wahrnehmen zu können. Die eigentliche Sachbearbeitung findet nicht in Einzelbüros vor Ort, sondern gebündelt in überregionalen Kompetenzzentren statt, die auch in Länder mit niedrigerem Lohnniveau ausgelagert werden können und KI-unterstützt arbeiten – so wie es die Realwirtschaft schon seit vielen Jahren im Rahmen von Einsparungsprogrammen vormacht. Für Spezialanliegen, die nicht über digitale Kollaborationswerkzeuge und wirklich „mit persönlichem Anfassen“ geklärt werden müssen, hält man noch einzelne Beratungszimmer oder eine Beratungslounge vor – wie in der Bank gegenüber.

Alles andere (Architektur, Einzelbüros, Besprechungs-, Tagungs- und Konferenzräume und Papieraktenstapel) sind keine gesetzlichen Mindestvorgaben an eine Kommunalverwaltung und daher lediglich Macht- und Statussymbole. Einsparpotential: sicherlich mehrere Hallenbäder. (In der FOCUS-Ausgabe 07/2026 gibt es übrigens einen erheiternden Artikel, der in der Überschrift behauptet, wir würden „bald die Hälfte aller Steuereinnahmen für den öffentlichen Dienst aufwenden“.)

Abschließend noch eine Anmerkung zu der Aussage aus dem Leserbrief „Vertrauen muss man sich verdienen, es gibt keine Vorschusslorbeeren.“: Der Begriff „Vorschusslorbeeren“ ist m.E. in diesem Zusammenhang etwas fehl am Platz: Wenn eine Person zu einer zweiten (unbekannten) Person „Vertrauen“ aufbauen möchte, muss die erste Person zu allererst einen „Vertrauensvorschuss“ gewähren. Ohne „Vertrauensvorschuss“ kann kein „Vertrauen“ aufgebaut werden. Durch „Verlässlichkeit“ der zweiten Person oder Personengruppe gegenüber der ersten Person entsteht dann schlussendlich „Vertrauen“. Praktisch: Wähler gewährt Politiker Vertrauensvorschuss (z.B. durch Wahl); Politiker ist verlässlich => Vertrauen ist aufgebaut. Folge: Wollten wir den Vertrauensvorschuss abschaffen, bräuchten wir auch keine Wahlen mehr, weil nur noch amtierende Politiker gewählt werden könnten.

Marcus Müller
Erlensee

 

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