„Winter ist kein Ausnahmezustand. Winter ist eine Jahreszeit“, betont Sascha Schneider in seinem Leserbrief.
Es hat geschneit.
Nicht in Sibirien, nicht in den Alpen, sondern hier. Ein paar Zentimeter Schnee, Temperaturen um den Gefrierpunkt, etwas Matsch. Früher nannte man das Winter. Heute heißt das oft: „Winterchaos“.
Kaum fallen die ersten Flocken, läuft die Berichterstattung vielerorts hoch wie bei einer Naturkatastrophe. Pushmeldungen, Liveticker, dramatische Bilder von weißen Straßen, dazu Begriffe wie „Gefahrenlage“, „Extremwetter“, „Chaos“.
In früheren Jahrzehnten gehörten vergleichbare Wetterlagen zum saisonalen Alltag. Der Eindruck entsteht dabei, man solle lieber zu Hause bleiben – draußen lauere das Unbeherrschbare.
Nach meinem Eindruck hat das weniger mit Meteorologie zu tun als mit Medienlogik. Dramatisierung erzeugt Aufmerksamkeit und Reichweite. Der Winter wird so zu einem verlässlichen Anlass für zugespitzte Berichterstattung, die emotional stark aufgeladen ist.
Ich bin diese Woche mit dem Rad zur Arbeit gefahren. Warm angezogen, vorsichtig, an ein paar Stellen musste ich das Rad schieben. Ja, ich habe doppelt so lange gebraucht wie sonst. Aber es war möglich. Verschneite Wege, Stille, Tierspuren im Schnee. Hasen, Rehe, keine Autos, keine Hektik. Diese Momente hätte ich im Homeoffice nicht gehabt. Winter kann auch Entschleunigung sein – wenn man ihn lässt.
Meine Tochter ist am Montag trotz Schneefalls mit dem Auto rund 60 Kilometer zur Uni gefahren. Sie ist angekommen. Sie studiert weiter. Sie lebt. Keine Breaking News, kein Wunder, einfach Alltag.
Und genau das geht in der Berichterstattung aus meiner Sicht häufig verloren: die Normalität.
Risiken gehören benannt, keine Frage. Glätte, Sicht, Bremsweg – alles real. Aber zwischen Information und Alarmismus liegt ein Unterschied. Wenn Schneeschauer regelmäßig als Krise dargestellt werden, kann ein verzerrtes Bild von Realität entstehen. Es besteht die Gefahr, dass wir weniger lernen, uns anzupassen, und stärker in Vorsichtsrhetorik verharren. Dabei ist Anpassung banal: langsamer fahren, mehr Zeit einplanen, sich passend kleiden. Winter ist kein Ausnahmezustand. Winter ist eine Jahreszeit.
Vielleicht sollten Medien wieder häufiger berichten statt inszenieren. Weniger Drama, mehr Einordnung. Weniger zugespitzte Angstkommunikation, mehr Realitätssinn. Denn am Ende ist es nur Schnee. Und der fällt – überraschenderweise – im Winter.
Sascha Schneider
Erlensee
Foto: Sascha Schneider
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