(mb/ea) – Mit Musik, politischen Impulsen und klaren Botschaften sind die Erlenseer Grünen am Freitagabend in das neue Jahr gestartet. Im kleinen Saal der Erlenhalle versammelten sich Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Ehrenamt und Zivilgesellschaft zum traditionellen Neujahrsempfang.
Für den musikalischen Auftakt sorgte das Duo 2INJOY mit Soul- und Popmusik. Im Anschluss lud ein Häppchenbuffet zum Austausch ein.

Im Mittelpunkt stand die Rede der Fraktionsvorsitzenden Renate Tonecker-Bös, die zahlreiche Gäste begrüßte – darunter den Stadtverordnetenvorsitzenden, Magistratsmitglieder, den Vorsitzenden des Seniorenbeirats, Vertreter des THW sowie Vertreter von SPD, Bürgerverein, Linken und Freien Wählern. Ihre Worte spiegelten die politische Situation und die Stimmung in vielen Teilen der Gesellschaft wieder: „Ein neues Jahr hat begonnen, und wie immer gilt in diesem Moment beides: Hoffnung und Nachdenklichkeit. Hoffnung, weil wir neu anfangen dürfen,
Nachdenklichkeit, weil wir spüren, dass vieles aus dem Gleichgewicht gerät – in der Welt, in Europa, in Deutschland und auch bei uns hier in Erlensee.“
Tonecker-Bös nutzte den Auftakt, um den Blick auf die Grundlagen demokratischen Zusammenlebens zu richten. Demokratie, so ihre zentrale Botschaft, bestehe nicht aus dem Gang zur Wahlurne. „Demokratie lebt nicht nur von Wahlen. Sie lebt davon, dass wir einander zuhören, dass wir miteinander streiten – aber fair. Dass wir unterschiedliche Meinungen aushalten, ohne uns abzuwerten.“ Gerade in einer Kleinstadt wie Erlensee sei das von besonderer Bedeutung: „Wir kennen uns, wir begegnen uns immer wieder. Unsere Kinder wachsen gemeinsam auf. Demokratie
heißt hier konkret, Verantwortung füreinander zu übernehmen“, so die Fraktionsvorsitzende.
Dabei machte sie deutlich, dass Demokratie mehr sei als Mehrheitsentscheidungen. „Demokratie heißt Schutz von Minderheiten. Demokratie heißt nicht, die Mehrheit setzt sich immer durch. Demokratie heißt: Jeder Mensch zählt – gerade auch dann, wenn er oder sie nicht laut ist, nicht angepasst, nicht Teil der Mehrheit.“ Zugleich warb Tonecker-Bös für kommunale Gestaltungskraft: „Wir können hier vor Ort mehr gegen die Probleme der Welt ausrichten, als wir oft denken.“
Umwelt- und Klimaschutz seien dabei kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. „Ideen für Umwelt- und Klimaschutz zu entwickeln, ist Vorsorge für unsere Kinder und Enkel. Wir leben in einer Zeit, in der sich entscheidet, wie es weitergeht.“ Soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz seien dabei jedoch nichts Gegensätzliches. „Die Schere der Gerechtigkeit verläuft mitten durch unsere Gesellschaft. Wer politisch gestaltet, muss versuchen, diese Schere zu schließen.“

Als eine der Gastrednerinnen sprach Mahwish Iftikhar aus Nidderau, Fraktionsvorsitzende und Geschäftsführerin der Grünen-Fraktion im Main-Kinzig-Kreis sowie Landesvorstandsmitglied der hessischen Grünen. Die Politikwissenschaftlerin, die bei der Bundestagskandidatur 2025 mit Platz 9 nur knapp den Einzug in den Bundestag verpasste, berichtete von ihren Erfahrungen aus dem angelaufenen Wahlkampf und dem direkten Kontakt mit den Menschen. Politik mache sie, sagte Iftikhar, weil sie fest davon überzeugt sei, „dass wir unsere Zukunft nur gemeinsam erarbeiten und gestalten können“.
Angesichts vieler negativer Nachrichten aus dem Ausland mahnte sie, die gesellschaftliche Stimmung ernst zu nehmen. Zu viele Krisenmeldungen veränderten die Menschen. Gerade deshalb solle ein Neujahrsempfang auch zur Motivation dienen. Ihr Appell richtete sich an alle demokratischen Parteien: Hoffnung und Zuversicht müssten sichtbar bleiben. „Ja, ich weiß, die Lage ist schlecht – aber es kann nur besser werden.“ Entscheidend sei die Zusammenarbeit „mit allen Parteien, Gewerkschaften und sozialen Trägern“.

Den Blick auf das konkret Erreichte lenkte Werner Scherer, seit 2025 Magistratsmitglied. Er räumte ein, dass Neujahrsempfänge oft dazu neigten, Vergangenes zu loben und der Zukunft Vorschusslorbeeren zu verleihen, ohne bereits etwas für das neue Jahr geleistet zu haben. Dennoch gebe es aus grüner Sicht in Erlensee vieles, auf das man stolz sein könne: Photovoltaikanlagen auf vielen Dächern, Wärmepumpen vor Häusern, begrünte Dächer, ein ausgebauter Nahverkehr und ein langsam, aber stetig wachsendes Radwegenetz. Auch die Arbeit der Blühbotschafter trage sichtbar zur Aufwertung von Flächen bei.
„Erlensee hat die Einführung des Klimatalers beschlossen, Erlensee ist Klimakommune, Erlensee ist Sternenstadt, Erlensee ist Fairtrade-Stadt – da kommt man nur zu einem Schluss: Erlensee ist grün.“ Gleichzeitig benannte Scherer offen die Defizite: Windkraft spiele bislang kaum eine Rolle, das Radwegenetz habe Lücken, bei öffentlichen Ladesäulen mit transparenten Preisen gebe es Nachholbedarf, der Citybus müsse besser ausgelastet werden. Sein Fazit fiel klar aus: „Erlensee braucht dringend noch mehr Grün.“ Trotz globaler Krisen warb er für Zuversicht: „Gegen wahnsinnige Egomanen hilft selbst Grün nicht viel. Lassen Sie uns dennoch positiv in die Zukunft schauen und das neue Jahr in Angriff nehmen – gemeinsam geht’s.“

Den überregionalen Blick brachte Marcus Bocklet, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im hessischen Landtag, ein. Trotz laufenden Eintracht-Spiels sei er gern nach Erlensee gekommen, sagte der bekennende Fußballfan. Er warb eindringlich für Zuversicht – und für mehr Selbstbewusstsein. Zugleich übte er parteiinterne Kritik: „Wir Grünen sind im Meckern schon Weltmeister.“ Mit humorvollen Anekdoten – etwa der Frage, ob heute noch so viele Menschen zu einem Besuch von Donald Trump kämen wie einst zu John F. Kennedy auf dem ehemaligen
Fliegerhorst – sorgte Bocklet für Lacher mit ernstem Unterton. Was ihn wirklich nerve, sei der ständige Blick nach Amerika. „Wir schauen wie hypnotisiert jeden Tag dorthin, was dort passiert.“ Stattdessen plädierte er für ein starkes Europa: „Wenn wir Europäer uns mal richtig am Riemen reißen und ein vereintes Europa schlagkräftig, mutig und selbstbewusst machen, dann bräuchten wir keine Zukunftsängste. Es geht nicht um ‚Germany first‘, sondern um ‚Europe united‘.“
Viele Selbstverständlichkeiten seien vorbei. Erst jetzt werde deutlich, „was Helmut Kohl mit diesem integrierten Europa geleistet hat“. Den Grünen attestierte Bocklet einen besonderen Vertrauensvorschuss: „Wir haben unter der Bevölkerung den größten Glaubwürdigkeitsfaktor. Wenn wir etwas sagen, dann glaubt man uns das.“ Veränderungen müssten mutig und nach vorne gedacht sein. Die Automobilindustrie habe die Entwicklung der E-Mobilität verschlafen, während China vorangehe. „Die Zeiten sind vorbei. Wir müssen uns verändern – ob es uns gefällt oder nicht.“ Wer Deutschland als Wirtschaftsstandort erhalten wolle, müsse ehrlich zu sich selbst sein – Bestimmte Annehmlichkeiten werde es nicht mehr geben.
Politik verglich Bocklet mit einem Handballspiel: Wenn man zurückliege, helfe Jammern nicht – dann brauche es „einen Ruck, der durch die Mannschaft gehe“, um das Spiel zu drehen. Es liege an der Politik, die Menschen davon zu überzeugen, „dass die Zukunft nicht in der Vergangenheit stattfindet“. Mit einem augenzwinkernden Zitat schloss er: „Kermit der Frosch hat mal gesagt: Es ist nicht einfach, grün zu sein.“
Ob die guten Vorsätze sich auch an die Wahlurne tragen lassen, wird die Kommunalwahl zeigen.

Bericht und Fotos: Mike Bender
