(ms/ea) – In dem Buch von Günther Wess, das im Verlag Universal Edition, Wien, erschienen ist, geht es um die alltäglichen Herausforderungen und Freuden des Orgelspielens. Das Werk ist eine Mischung aus theoretischen Überlegungen, praktischen Tipps und gibt eine breite Repertoireübersicht über alle Epochen.
Gleichzeitig soll es eine Wertschätzung und ein Plädoyer für die Liebe zur Musik sein und die Bedeutung des Amateureinsatzes in der Musikkultur hervorheben, ohne die musikalische Vielfalt nicht möglich wäre.
Warum und für wen haben Sie das Buch geschrieben?
Das Buch richtet sich in erster Linie an die große Zahl von nebenamtlichen Organistinnen und Organisten und behandelt ausführlich das musikalische Repertoire sowie die alltägliche Praxis von Amateuren. Es ist weder ein Lehrbuch noch eine wissenschaftliche Abhandlung. Vielmehr basiert das Werk auf eigenen praktischen Erfahrungen. Es beinhaltet viele Anregungen und ermutigt, eigene Wege zu suchen und kreative Lösungen zu erarbeiten.
Was fasziniert Sie an dem Instrument Orgel?
Eine gute Orgel ermöglicht mir, nahezu unbegrenzt Klänge zu erzeugen, damit zu experimentieren und meine eigene Musik zu kreieren. Die Möglichkeiten zur Improvisation sind vielfältig und erlauben mir, unterschiedlichste Stil- und Musikrichtungen auszuloten. Selbstverständlich schätze ich auch das Literaturspiel und das Einstudieren neuer Werke aus allen Epochen.
Was zeichnet eine gute Orgel aus?
Jede Orgel ist ein Unikat und wird eigens für einen bestimmten Raum und Zweck konzipiert. Oft sind die Menschen von der Größe eines Instrumentes beeindruckt. Das ist aber nicht entscheidend. Wichtiger ist die Qualität der einzelnen Stimmen, ihre Abstimmung untereinander und die verschiedenen Klänge, die daraus erzeugt werden können. Meine Mindestanforderungen an eine Orgel sind zwei, besser drei Manuale und ein Pedal. Was die Pfeifenzahl anbelangt, sehe ich als Untergrenze 1000 Pfeifen. Mit dieser Disposition lässt sich Musik aus den meisten Epochen gut spielen. Das Spielen macht dann auch Spaß, ebenso das Zuhören. Natürlich ist eine solche Orgel bereits größer als viele Instrumente in „Dorfkirchen“, aber doch relativ klein im Vergleich zu den Orgeln in Domen, Kathedralen oder Konzerthäusern.
Ist die Orgel nicht ein Instrument der Kirchen? Man spricht ja auch von der Kirchenorgel.
In Deutschland wird die Anzahl an Orgeln auf etwa 50.000 geschätzt. Die überwiegende Zahl befindet sich in Kirchen. Es gibt Orgeln in großen Konzertsälen und wenige Instrumente in Privathäusern. In den Kirchen werden diese zumeist als liturgische Zweckinstrumente genutzt, um den Gemeindegesang zu begleiten. Viele Orgeln sind durch schlechte Wartung in einem beklagenswerten Zustand. Sowohl die Instrumente als auch die Orgelmusik erfahren nicht die Wertschätzung, die sie verdient hätten. Die Orgel ist aber keine Erfindung der Kirchen. Sie ist ursprünglich ein weltliches Instrument und diente eher der Machtdemonstration.
Erfreulich ist aber, dass sich an einigen Orten Zentren für Orgelmusik gebildet haben. Es werden neue Instrumente gebaut und regelmäßig können Konzerte, teilweise in neuen Formaten, beispielsweise auch zur Mittagszeit, besucht werden. Die Zahl der Besucher ist hier oft höher als die der Gottesdienstbesucher.
Wie sieht es mit der Zukunft von Organistinnen und Organisten aus?
In vielen großen Kirchen sind hauptamtliche Organistinnen und Organisten beschäftigt, die sich meistens auch um die gesamte Kirchenmusik vor Ort und in der Region kümmern. Daneben gibt es viele nebenamtliche Organistinnen und Organisten, die regelmäßig die Orgel zu Gottesdiensten spielen. Im 19. Jahrhundert und auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es die sog. „Lehrerorganisten“, die neben der Stellung als Lehrer auch eine musikalische Ausbildung besaßen. Sie leisteten wertvolle Dienste zur Entwicklung der Musikkultur. Der Dichter und Zeichner Wilhelm Busch hat in seinen Erzählungen von Max und Moritz seinerzeit den „Lehrerorganist“ in Form der Person des Lehrer Lämpels karikiert.
Eine der größten Herausforderungen ist heute neben der teilweise prekären Instrumentensituation die Sicherstellung der Qualität der gespielten Musik durch eine gute Ausbildung und Möglichkeiten zur Weiterbildung.
Was den Nachwuchs anbelangt, stelle ich bei Orgelführungen oft fest, dass junge Leute von dem Instrument Pfeifenorgel mit seinen vielen musikalischen Möglichkeiten begeistert sind. Aber mit dem Gedanken, regelmäßig Orgeldienst in einer Kirche zu leisten, können sie sich letztendlich nicht anfreunden.
Hat die Orgel eine Zukunft?
Mein Verständnis von der Orgel geht weit über die kirchliche Anwendung hinaus. Ich betrachte die Orgel als ein Instrument, das in seinen Möglichkeiten sowohl musikalisch als auch technisch noch zu wenig genutzt wird, auch im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten.
Neue digitale Technologien eröffnen die Weiterentwicklung des Instrumentes „Pfeifenorgel“. Im Bereich der Improvisation oder im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten sehe ich enormes musikalisches Potenzial. Öffentlich sind Orgeln nur sehr schwer zugänglich. Deshalb könnte man Formate und Einrichtungen entwickeln, um Orgeln auch in der freien Szene nutzen zu können. Junge Leute müssten die Möglichkeit haben, an Instrumenten ungestört üben zu können und sich zu entdecken. Auch im Studium im Bereich Komposition sollte das Instrument Orgel stärker berücksichtigt werden.
Im Jahre 2017 wurde von der UNESCO der Orgelbau sowie die Orgelmusik als immaterielles Weltkulturerbe der Menschheit anerkannt.
Vielen Dank für das Gespräch
(Die Fragen stellte Markus Sommerfeld)
Bezogen werden kann das Buch beim Verlag Universal Edition und in vielen Buchhandlungen.
Auf dem Foto: Prof. Dr. Günther Wess
Fotos: Privat
