Festveranstaltung zum 50-jährigen Jubiläum des Vereins Selbsthilfe Körperbehinderter Main-Kinzig e.V.

(ms/ea) – Am Dienstag beging der Verein Selbsthilfe Körperbehinderter Main-Kinzig e.V. mit einer offiziellen Feierstunde, zu der viele Vertreter aus der Kommunal- und Landespolitik sowie Kooperationspartner geladen waren, sein 50-jähriges Jubiläum im kleinen Saal der Erlenhalle.

Vorsitzender Uwe Schneider bei der Begrüßung der Gäste

Durch das Festprogramm führte Michael Becker

Am 11. April 1973 wurde in der Georg-Büchner-Schule in Erlensee der Verein unter dem Namen Selbsthilfe Körperbehinderter Hanau/Gelnhausen e.V. von Heinz Preis, Edith Anderle, Helmut Dambruch, Jürgen Grasmück, Ruth Knoll, Georg Mai und Ulla Weißflog gegründet. Vom 1. Vorsitzenden Heinz Preis wurde als richtungsweisendes Ziel ausgegeben: „Wir wollen der Gesellschaft zeigen, dass wir sehr wohl in der Lage sind, uns in gewissen Dingen selbst zu helfen“.

Welch rasante Entwicklung in den darauf folgenden Jahren der Verein nahm, konnte damals niemand ahnen: 50 Jahre später verfügt der Verein – jetzt unter dem Namen Selbsthilfe Körperbehinderter Main-Kinzig e.V. (SHK) – über 85 barrierefreie Wohnungen. Die Verantwortlichen der SHK haben am Bundesgleichstellungsgesetz und an der UN-Konvention Artikel 19 maßgeblich mitgearbeitet und zum Ausbau des barrierefreien öffentlichen Nahverkehrs beigetragen. Der Verein betreibt zudem einen Behindertenfahrdienst und ist Träger der „Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB)“ im Main-Kinzig-Kreis. Darüberhinaus ist er mit zwei gemeinnützigen Tochtergesellschaften im Bereich der Schulintegration und des Ambulanten Betreuten Wohnens tätig. Aktuell ist der Verein Arbeitgeber von über 270 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Vorsitzender Uwe Schneider sprach dem Main-Kinzig-Kreis und der Stadt Erlensee in Anwesenheit von Landrat Thorsten Stolz und Bürgermeister Stefan Erb sein großes Dankeschön für die Unterstützung aus, ohne die das Erreichte nicht möglich gewesen wäre.

Auszüge aus der Chronik:

11.4.1973: Vereinsgründung

9.7.1984: SHK wird eingetragener Verein

14.5.1993: Spatenstich für Integrativen Wohnpark

1.7.1995: Einweihung des ersten Bauabschnitts des Integrativen Wohnparks

2010: Fertigstellung des Integrativen Wohnparks II

2018: Gründung der „Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB)“

2020: Bau des Integrativen Wohnparks III

Bürgermeister Stefan Erb

Bürgermeister Stefan Erb lobte in seinem Grußwort das außerordentliche Engagement des Vereins, welches weit über Erlensee hinaus wirke. Hier werde Menschen mit Behinderung ein lebenswertes Leben ermöglicht. Dazu gehöre auch, dass mit den Integrativen Wohnparks mitten in der Stadt Raum zum Leben entstand. „Ich freue mich bereits auf den Integrativen Wohnpark Nummer 4“, wie der Bürgermeister abschließend betonte.

Landrat Thorsten Stolz

Für Landrat Thorsten Stolz ist die SHK eine absolute Erfolgsgeschichte. Menschen werde hier Halt und Orientierung gegeben, sowie Perspektiven eröffnet. Die SHK trage dazu bei, die Gesellschaft insgesamt zu stärken und den Zusammenhalt zu fördern.

Staatssekretärin Anne Janz

Anne Janz, Staatssekretärin im Hessischen Sozialministerium, sprach ebenfalls den Verantwortlichen der SHK ein großes Dankeschön aus. Es brauche solche Menschen, die tatkräftig Brücken bauen. Mit ihren Angeboten ermögliche die SHK gelebte Inklusion und gebe Hilfe zur Selbsthilfe. Die Hessische Landesregierung habe die Stelle eines Beauftragten für Menschen mit Behinderung geschaffen und eine Kompetenzstelle eingerichtet, die gerade auch beim barrierefreien Bauen und Wohnen Beratung anbietet.

Dr. Martin Theben

In einem Festvortrag berichtete Dr. Martin Theben, Lehrbeauftragter an der Humboldt Universität Berlin, von einem Frankfurter Reiseurteil aus den 80er Jahren und die darauf folgenden Ereignisse.

Eine Klägerin hatte einen Reiseveranstalter auf Minderung des Reisepreises verklagt und dabei zahlreiche Mängel aufgeführt, darunter auch die Anwesenheit von geistig und körperlich behinderten Menschen.

Das Gericht hatte ihr eine Minderung des Reisepreises in Höhe von 750 DM zugestanden, in der Urteilsbegründung allerdings offengelassen, ob dazu auch die Anwesenheit der behinderten Menschen beigetragen hat. Der Reiseveranstalter legte daraufhin Berufung ein. „Was danach geschah, war zu diesem Zeitpunkt wohl beispiellos nicht nur in der bundesdeutschen Justiz“, so Dr. Theben. Die Berufung wurde zurückgewiesen und von der 24. Zivilkammer des Frankfurter Landgerichts damit begründet, dass sehr wohl auch die Anwesenheit der behinderten Menschen zu einer Minderung des Reisepreises berechtigt.

Das Urteil führte zu einem Proteststurm, der schließlich in einer großen Demonstration am 8. Mai 1980 in Frankfurt führte, an der rund 5000 Menschen teilnahmen. „Nie im Leben zuvor haben die Bürger so viele Behinderte gesehen, Hunderte von Rollstuhlfahrern, geistig Behinderte, Lernbehinderte, Eltern mit ihrem behinderten Kind, Contergan-Geschädigte, Kleinwüchsige, Ehepaare mit behinderten Partnern“, zitierte Dr. Theben aus einer Dokumentation von Ernst Klee.

Weitere Informationen zu diesem Urteil und den sich daraus ergebenden Protesten finden sich auch unter www.archiv-behindertenbewegung.org/

Matthias März

In einem weiteren Vortrag stellte der stellvertretende Vorsitzende der SHK, Matthias März, seinen Werdegang vom Zivildienstleistenden bei der SHK bis zu seiner Vorstands-Tätigkeit vor. Er blickte dabei auf fünf Jahrzehnte zurück und zeigte sich zufrieden und dankbar, zur Entwicklung des Vereins beigetragen zu haben.

Seine Tätigkeit als Zivildienstleister war für ihn sinnstiftend. Er würde es insofern begrüßen, wenn es nach Abschluss der Schulausbildung ein allgemeines Pflichtjahr gäbe.

Ein gemeinsames Grußwort sprachen der SPD-Landtagsabgeordnete Christoph Degen, der SPD-Bundestagsabgeordnete Lennard Oehl und der CDU-Landtagsabgeordnete Heiko Kasseckert.

 

Für die musikalische Umrahmung sorgte der Männerchor der Chorgemeinschaft Erlensee und Lothar Kempf an der Gitarre.

Zum Ende der Festveranstaltung zog Vorsitzender Uwe Schneider ein kurzes und prägnantes Fazit, welches er auch als Hauptaufgabe des Vereins sieht: Den Abbau von Blockaden in den Köpfen. Nicht nur die materielle Barrierefreiheit, sondern die Beseitigung der Denkblockaden sei nötig, um alle davon zu überzeugen, „dass wir – ob ohne oder mit einer wie auch immer ausgeprägten Behinderung – alle gemeinsam ganz normale Menschen sind“, so Uwe Schneider abschließend.

Auf dem Titelfoto: Vorstand und Team der SHK

Bericht: Markus Sommerfeld

Fotos: Kristin Langholz, Studio Linsenmomente

 

 

 

 

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