(pm/ea) – Der aktuelle Konjunkturbericht der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern verspricht auf den ersten Blick eine eher verhaltene wirtschaftliche Entwicklung in diesem Jahr.
Doch bei genauerem Hinsehen sind Lichtblicke erkennbar – das Grau des Winters wird bald weichen. Mit Einsetzen des Frühjahrs dürfte sich die Wirtschaft im Main-Kinzig-Kreis wieder beleben. Die Erholung könnte noch im Jahresverlauf in einen Aufschwung münden. Aber es lauern noch Fallstricke.
Wenn 40,8 Prozent der 211 antwortenden Unternehmen aus dem Main-Kinzig-Kreis ihre derzeitige wirtschaftliche Lage als „gut“, weitere 43,6 Prozent als „befriedigend“ und bloß 15,6 Prozent als „schlecht“ bezeichnen, dann sind das hervorragende Werte – jedenfalls nach zwei Pandemie-Jahren mit Lockdowns, Ausgangssperren, weltweiten Lieferengpässen und teils verwirrenden Schutzmaßnahmen gegen die Covid-Ansteckungsgefahr sowie zuletzt deutlich steigenden Energie- und Rohstoffpreisen.
Ein erstes, vorläufiges Fazit kann daher nur lauten: Trotz aller Hindernisse und Belastungen sind bisher weite Teile der Unternehmenslandschaft im Main-Kinzig-Kreis bislang verhältnismäßig gut durch die schwere Krise gekommen. Das ist nicht nur den großzügigen staatlichen Hilfen zu verdanken, sondern auch recht soliden Eigenkapitalausstattung vieler Unternehmen vor und nach der Krise. Noch viel wichtiger sind aber die pfiffigen und erfolgreichen Anpassungsstrategien vieler Chefs und ihrer Mitarbeiter. Anders ist es nicht zu erklären, dass binnen Jahresfrist die Menge der „gut“-Antworten um 16,4 Prozentpunkte gestiegen und die der „schlecht“-Antworten um 15,5 Prozentpunkte gesunken ist. Die Botschaft hinter den Zahlen der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage: Unsere Marktwirtschaft passt sich neuen Rahmenbedingen schneller an, als viele glauben.
Auf der anderen Seite steigt seit einigen Wochen die Zuversicht nur noch leicht – die massiven Lieferengpässe, die vielfach noch bis ins nächste Jahr zu spüren sein dürften, die höheren Energiepreise und die noch immer nicht enden wollende Pandemie schlagen nicht nur den Verbrauchern, sondern auch den Erzeugern aufs Gemüt. Aktuell erwarten 23,8 Prozent der Unternehmen eine zukünftig eher bessere Wirtschaftslage (Anfang 2021: 26,8). Die gute Nachricht: Nur noch 17,6 Prozent der Unternehmen befürchten eine weitere Verschlechterung (Anfang 2021: 30,1). Eine unveränderte Lage erwarten 58,6 Prozent der Betriebe im Landkreis (Anfang 2021: 43,1). Auch aus diesen Werten lässt sich die Handschrift der mittelständisch geprägten Unternehmenslandschaft in Hanau und im Main-Kinzig-Kreis herauslesen: Kaufmännische Vorsicht hat Überschwänge verhindert und damit Chancen für künftig gute Jahre bewahrt. Dass damit die etwas optimistischeren Einschätzungen vom Herbst 2021 einkassiert wurden, passt ins Bild.
Die Antworten zu Lage und Erwartungen der 211 Unternehmen für den IHK-Konjunkturbericht stammen aus allen wichtigen Branchen und Teilregionen im Main-Kinzig-Kreis. Werden die Ergebnisse gewichtet, entsteht der IHK-Klima-Indikator. Diese zentrale Kennzahl sinkt auf 115,3 Punkte. Im Herbst hatte der Indikator noch 120,4 Punkte erzielt und im Frühsommer nur 108,7. Vor einem Jahr lag der Wert sogar bei nur 95,0 Punkten. Im Frühsommer 2020 war mit 63,4 Punkten ein pandemiebedingter Tiefpunkt erreicht worden. „In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Wirtschaft im Main-Kinzig-Kreis gut erholt, der leichte Rückschlag im IV. Quartal ist zu verkraften. In den kommenden Monaten wird es darum gehen, die Talsohle endgültig zu verlassen, die Blessuren zu heilen und nach vorne in Richtung Aufschwung zu blicken. Das dürfte mancher Branche noch schwerfallen“, erwartet IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Gunther Quidde.
Branchen nicht mehr im Gleichlauf
Derzeit marschieren, wie im Lehrbuch, einige Branchen schneller in Richtung Aufschwung voran. Andere hingegen müssen sich noch gedulden. Wie Quidde berichtet, „geht es mittlerweile der Industrie recht gut, mit Ausnahme vieler Kfz-Zulieferer. Noch überwiegt vielfach die Vorsicht, aber bei den Personalplänen, den Exporten und den Investitionen ruht der Fuß schon auf dem Gaspedal – da bahnt sich ein Aufschwung seinen Weg, obwohl ihn Lieferschwierigkeiten bis weit ins Jahr 2023 hinein dämpfen werden“, zeigt der IHK-Hauptgeschäftsführer sich zuversichtlich. Ebenfalls wichtig: Das Baugewerbe bleibt vorerst im Boom.
Recht solide aufgestellt zeigt sich auch der Großhandel, der wieder verstärkt Mitarbeiter sucht und seine Online-Vertriebskanäle weiter ausbaut. Der Facheinzelhandel verharrt hingegen in der Krise, meist mit Ausnahme des Drittels, das den Vertriebskanal Internet nutzt. „Mir imponieren die Unternehmen, die in der Krise mutig ihren Online-Handel ausgebaut haben. Bei einer ganzen Reihe davon macht sich das schon bezahlt.“, freut sich Quidde und warnt. „Wer das Internet nicht nutzt, der wird sich besonders anstrengen müssen, um die durch die Pandemie bewirkten Veränderungen im Einkaufsverhalten zu bewältigen!“
In den vielen Sparten des Dienstleistungsgewerbes könnte der Aufschwung noch im Laufe des Jahres an Kraft gewinnen. Schwierig sieht es derzeit allerdings bei den Geldhäusern aus, die nach wie vor mit den Niedrigzinsen und dem Online-Banking zu kämpfen haben. Bei den Sparkassen und Banken überlagern sich zudem die Wellen der zunehmenden Finanzierungswünsche aus den wiederbelebten Teilen der Wirtschaft mit den Finanzierungsengpässen der noch geschwächten Unternehmen. „In der Gastronomie und der gesamten Tourismuswirtschaft stehen derzeit noch die Zeichen auf Krise, aber das könnte sich noch im Laufe des Frühjahrs verändern – wenn wir mit Corona dauerhaft umgehen können“, hofft Quidde. Gewinnt der Aufschwung an Fahrt, werden auch die Gastronomie, die Hotellerie und die gesamte Tourismuswirtschaft vom Boom profitieren. Derzeit schon gut unterwegs in Richtung Aufschwung ist die Logistikbranche.
Energiepreise und Fachkräftemangel bremsen
Haupthindernis für eine wirtschaftliche Belebung dürfte in den kommenden Wochen der Arbeitsmarkt sein, so das Ergebnis der IHK-Umfrage nach den Hauptrisiken für die Konjunkturentwicklung. Immerhin zwei Drittel aller Unternehmen gaben diese Einschätzung zu Protokoll. Dafür gibt es einen guten Grund: Es gibt kaum noch arbeitslose Fachkräfte. Die Agentur für Arbeit in Hanau meldet Tiefstände, die mit denen vor der Corona-Krise vergleichbar sind. Der Fachkräftemangel erschwert es den Unternehmen, sich schnell neu aufzustellen. „Dagegen helfen mittelfristig mehr Aus- und Weiterbildung“, erläutert Quidde.
Der zweite, mit 65,7 Prozent ebenfalls sehr hoch eingestufte Faktor, die Umfrage erlaubt Mehrfachnennungen, betrifft die Energie- und Rohstoffpreise. Die Preise sind kräftig gestiegen. Das verteuert Produktion und Handel und schmälert zugleich den privaten Konsum – weil zum Beispiel mehr Geld für die Heizung ausgegeben werden muss. Dieses Geld steht dann nicht mehr für zum Beispiel neue Kleidung zur Verfügung. Die IHK hat bei den Unternehmen deswegen nachgefragt: Etwa 60 Prozent der Unternehmen, in der Industrie sind es 75 und im Großhandel sogar 80 Prozent, sind von Preisanstiegen betroffen. Diese höheren Kosten werden die Unternehmen an ihre Kunden abwälzen wollen. Das ist keine gute Nachricht, weil dadurch das Leben für die Verbraucher über kurz oder lang teurer wird. Im Dezember betrug die Inflationsrate in Deutschland 5,3 Prozent, im Januar 2022 waren es 4,9 Prozent. Ein deutlicher Rückgang ist derzeit nicht zu erkennen. Das ist ein echter Wermutstropfen: Es ist bitter, aber die Inflation ist gekommen, um zu bleiben. Ohne Ausgleich, zum Beispiel durch Lohnerhöhungen, wird die Geldentwertung vielen Verbrauchen schon im Jahresverlauf das Leben schwerer machen. „Den möglichen Aufschwung muss das aber nicht bremsen. Vorausgesetzt: Die Konsumausgaben und die Einkommen der Verbraucher fallen nicht hinter die Inflationsrate zurück“, macht Quidde Mut. Fest steht für ihn aber auch, dass es kein Zurück in die Vor-Corona-Zeit geben wird – weder im Handel noch in den anderen Zweigen der Wirtschaft im Main-Kinzig-Kreis.
Grafik: IHK
