(pm/ea) – Am 3. März jährt sich der erste Corona-Fall, den das Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreis bekanntgegeben hat. Für Landrat Thorsten Stolz stellt dieses Datum den „Beginn einer sehr harten Prüfung für die gesamte Gesellschaft“ dar. In einer Pressemitteilung werden die Ereignisse noch einmal aufgegriffen und Perspektiven für das Frühjahr beschrieben.
„Nie zuvor seit Bestehen des Main-Kinzig-Kreises, auch zu keiner Zeit seit dem Kriegsende, sind wir alle derart aus unserem Alltag herausgerissen und auf elementare Fragen zurückgeworfen worden: Wie schützen wir Mitmenschen, wie retten wir Leben, wie versorgen wir einzelne Betroffene und große Einrichtungen? Diese Fragen begleitet unser Tun und Handeln bis heute“, sagt Thorsten Stolz.
Die erste Person, die nachweislich im Main-Kinzig-Kreis mit dem Coronavirus infiziert ist, wohnt in Hanau. Viele Fragen tauchen im Frühjahr 2020 auf. Der Main-Kinzig-Kreis beantwortet sie seit März 2020 täglich am Bürgertelefon. Auf bestimmte Fragen gibt es zu dem frühen Zeitpunkt allerdings keine abschließenden Antworten: Wie findet die Übertragung statt? Wie hoch ist die Dunkelziffer? Ist das Virus für alle Altersgruppen gleichermaßen gefährlich? Wie sinnvoll ist es, Privatkontakte drastisch zu reduzieren? Was ist mit Schul- und Kitakindern?
„Wir sind mit dem Verwaltungsstab von Beginn an immer fachlich geleitet vorgegangen, aber haben auch eher auf Nummer sicher gesetzt. Niemand konnte im März 2020 die Frage beantworten, wie bedrohlich das Virus sein würde, keiner hatte ein Patentrezept in der Schublade, wie mit all den Fragen umzugehen war“, blickt Landrat Thorsten Stolz zurück. Man habe gut daran getan, „schnell gemeinsam zu agieren, aber immer auf Sicht Entscheidungen zu treffen“. „Es wurde erst nach und nach deutlich, dass es in dieser ersten Phase vor allem die älteren Menschen sein würden, die ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. Da hatten wir diese vulnerablen Bereiche schon nach unseren Möglichkeiten geschützt“, blickt Landrat Stolz zurück. „Und trotzdem ist kein Bereich dieser Gesellschaft vor einer Virusübertragung gefeit, weder die Schulen und Kitas noch die Heime, auch nicht die Arbeitsorte, vor allem nicht der private und familiäre Bereich. Das war in der ersten Welle schon so, und leider ist das bis heute so, wenn auch die Impfungen daran viel zu ändern vermögen. Das ist die Hoffnung für uns alle und auch ein gewichtiger Grund für Zuversicht.“
Wenn Gesundheitsdezernentin Susanne Simmler an den ersten Fall vor einem Jahr denkt, dann fällt ihr der Anruf einer Hanauer Bürgerin ein. „Wo wohnt dieser erste Fall und wer ist das genau, das muss die Öffentlichkeit doch vom Gesundheitsamt wissen, um dem Virus aus dem Weg gehen zu können: Diese Erwartung war vor einem Jahr ziemlich verbreitet“, erinnert sich die Erste Kreisbeigeordnete. „Dahinter steckt ja auch ein nachvollziehbarer Wunsch. Wir hätten unseren liebgewonnenen Alltag gerne alle fortgesetzt und das Virus auf kleinste Radien begrenzt. Aber als sich dann die Fälle aus den Wintersportregionen, vor allem aus Ischgl, massiv häuften, auch die Ansteckungen, die dann überall innerhalb der Region nachgewiesen werden konnten, da war schnell klar, dass das nicht mehr geht.“
Das Gesundheitsamt und alle damit verbundenen Ämter mussten sich auf eine breitangelegte Pandemie-Bewältigung einstellen. „Als es galt, galt es, da haben Mann und Maus gestanden und sich den Aufgaben gestellt“, so Simmler. „Es ist, bei aller Kritik, die wir alle manchmal einstecken müssen, eine gute Leistung, dass Bürgerinnen und Bürger, die Verwaltungen der Städte und Gemeinden, Hilfsverbände, Unternehmen und der Kreis eng zusammenarbeiten“, lobt Susanne Simmler.
Der Bereich Hygiene im Gesundheitsamt zum Beispiel, bis vor einem Jahr mit 17 Personen besetzt, wächst zunächst auf bis zu 150 Personen an. Ihr Ziel: Kontakte nachzuverfolgen. Innerhalb des Gesundheitsamts bilden sich Fachteams heraus, für Heime, für Schulen, für Arztpraxen. Zunächst wird das Personal aus allen Verwaltungsteilen zusammengezogen, nach und nach werden sie durch neu angeworbene Kräfte ersetzt.
„Die Pandemie hat uns alle immer wieder an Grenzen geführt, die es zu meistern galt und auch weiterhin gilt. Ich denke da zu Beginn vor allem an die Organisation von Schutzausrüstung, dann schnell an die technischen und digitalen Hilfsmittel im Gesundheitsamt, an die Unterstützung der Pflegeheime oder die Organisation von Schnelltestmöglichkeiten – alles Dinge, die wir vor Ort entscheiden können. Wir versuchen, wo immer möglich, pragmatisch und der Lage angepasst Lösungen zu finden“, erklärt Susanne Simmler. Neue digitale Instrumente sind hinzugekommen, als einziger hessischer Landkreis bietet der Main-Kinzig-Kreis eine App an, die die Kontaktpersonennachverfolgung vereinfacht und Daten von Kontakten direkt in die Systeme des Gesundheitsamtes einspielt, um so die Zettelwirtschaft in dem Bereich zu beenden.
Die erste Welle klingt ab, im Sommer gibt es tageweise keine einzige Neuinfektion. Die Schulen bewegen sich im Normalbetrieb Richtung Sommerferien. In den letzten Wochen vor den Ferien treten die ersten Fälle und Ausbrüche im Umfeld von Menschen auf, die aus dem Urlaub oder von einer Geschäftsreise zurückkehren. „Reiserückkehrer“ werden das neue bestimmende Thema. Der Main-Kinzig-Kreis geht bei der häuslichen Isolierung für Rückkehrer konsequent voran, nicht ohne Widerstände. Aber eben auch nicht ohne Grund: eine kleine neue Welle baut sich bei den Neuinfektionen auf, die durch neuerliche Einschränkungen – punktuell und auf den Westkreis beschränkt – zunächst eingedämmt werden kann. Ab Oktober rollt die größere und bis heute viel heftigere Corona-Welle, begleitet von Hinweisen von Virologinnen und Virologen, dass sich Varianten des Coronavirus ausbreiten, infektiöser und auch bei jüngeren Menschen ansteckender. Der Bereich Hygiene im Gesundheitsamt wird noch deutlich vergrößert, auf über 200 Personen, unterstützt durch Kräfte der Bundeswehr.
Für Jugend- und Schuldezernent Winfried Ottmann sind die Hinweise auf Virusvarianten „aktuell die größte Unbekannte auf unserem Weg in eine Verstetigung von Unterricht und Betreuung“. Er verweist auf erste Ausbrüche in Kindertagesstätten in diesem Jahr, die sich so in der ersten Welle nicht gezeigt hätten. „Wir haben die Strategie angepasst, in einem enorm vergrößerten Radius zu testen und mehr Kinder und Jugendliche in häusliche Isolierung zu schicken. Das ist definitiv eine sehr weitgehende Veränderung, aber die Situation erfordert es einfach. Da bitte ich als Jugend- und Schuldezernent noch mal bei allen Betroffenen um Verständnis“, so Ottmann. „Es ist gut, dass wir im gesamten letzten Jahr, unabhängig vom Infektionsgeschehen oder dem Inzidenzwert, bei den Schulen die Digitalisierung weiter vorangetrieben haben. Software und Hardware funktionieren bis auf vielleicht vereinzelte Fälle wirklich reibungslos, so dass wir womöglich in Kürze viele junge Menschen in häuslicher Isolierung haben, aber der Unterrichtsstoff trotzdem vermittelt und gelernt werden kann.“
Ein Jahr Corona-Pandemie bedeutet auch ein Jahr voller Statistiken und Zahlen, an denen sich die Öffentlichkeit orientiert: Fast 15.000 Menschen haben sich in diesen zwölf Monaten mit dem Virus infiziert, mehr als 13.600 haben die akute Infektion überstanden. 471 Tote sind zu beklagen, überwiegend Menschen hohen Alters. Mittlerweile liegt die Sieben-Tages-Inzidenz, die das Infektionsgeschehen beschreibt, zwischen 80 und 90. Ein hoher Wert nach wie vor, aber deutlich niedriger als noch Ende Dezember mit Werten jenseits der 300. Seinerzeit gab es noch zahlreiche Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen; unter den Menschen im Alter von über 60 liegt der Inzidenzwert jedoch seit einigen Wochen konstant unter dem Wert für den gesamten Kreis, nämlich im Bereich zwischen 60 und 70.

Seit 27. Dezember 2020 werden Menschen im Main-Kinzig-Kreis geimpft, zunächst in Alten- und Pflegeheimen
Denn auch das steht ein Jahr nach Fall eins im Main-Kinzig-Kreis fest: Die Impfkampagne kommt mit zunehmender Geschwindigkeit voran, in allen stationären Einrichtungen waren bereits mobile Teams. Die Impfzentren arbeiten täglich, mit über 17.000 Menschen gibt es mittlerweile mehr Geimpfte als einst Infizierte. Die Impfungen bremsen die Ausbreitung und können schwere Krankheitsverläufe deutlich reduzieren. Immer mehr Menschen werden sich kurz- und mittelfristig für diesen Impfschutz entscheiden können. All das war vor einem Jahr so im Main-Kinzig-Kreis ebenfalls noch nicht zu erwarten.
„Hinter uns liegt ein Jahr der enormen Herausforderungen. Ich danke hier allen Menschen, die egal an welcher Stelle und in welcher Verantwortung auch immer, angepackt und mit dazu beigetragen haben, unseren Main-Kinzig-Kreis auch in dieser besonderen Zeit auf Kurs zu halten. Viele sind in dieser Zeit über sich hinausgewachsen und haben Sensationelles geleistet“, so Landrat Thorsten Stolz.
Fünf Fragen an Gesundheitsdezernentin Susanne Simmler
Seit einem Jahr trägt der Verwaltungsstab des Main-Kinzig-Kreises eine große Verantwortung. Er koordiniert die Pandemiebewältigung vor Ort, im Kreis und seinen 29 Städten und Gemeinden. An der Spitze des Verwaltungsstabs steht neben Landrat Thorsten Stolz die Erste Kreisbeigeordnete und Gesundheitsdezernentin Susanne Simmler. Im Interview spricht Simmler über zwölf Monate Pandemie, die aktuelle Situation und Perspektiven für die nahe Zukunft.
Das Coronavirus hat den Alltag vieler Menschen im Main-Kinzig-Kreis in den vergangenen Monaten umgekrempelt. Wann hatten Sie das Gefühl, dass Corona zum alles bestimmenden Thema werden und so schnell nicht mehr weggehen würde?
Susanne Simmler: „Wir haben im Main-Kinzig-Kreis schon Wochen vorher einen Stab einberufen, um aus den Nachrichten aus China und Italien die Konsequenzen zu besprechen und Vorbereitungen zu treffen. Wir standen vor dem ersten Corona-Fall im Kreisgebiet also schon länger im Austausch, das Gesundheitsamt, der Bereich Gefahrenabwehr, die Kliniken und andere Teile der Verwaltung. Diese Dimensionen, auf die wir heute zurückblicken, hätte ich dann aber doch nicht von Anfang an so erwartet. Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass seither Enormes von Vielen geleistet worden ist. Hier sind unglaublich viele Akteure an die Grenzen der Belastbarkeit gegangen. Ihnen in der Verwaltung, ebenso wie dem medizinischen und pflegerischen Personal außerhalb der Verwaltung, gilt mein größter Respekt und mein Dank.“
Was konnte denn ein Landkreis gegen die Ausbreitung selbst ausrichten?
Simmler: „Die Auswirkungen unserer Entscheidungen hat man teils unmittelbar sehen können. Ich denke da an die Beschaffung von Schutzmaterial für die Pflegeeinrichtungen, die frühe Entscheidung für den Distanzunterricht oder die Schnelltestzentren, die wir für Besucherinnen und Besucher von Pflegeheimen eingerichtet haben. Wir konnten direkt die Lage verbessern oder das Infektionsgeschehen regional entschärfen. Vieles liegt natürlich in der Entscheidungshoheit der Bundes- und Landesregierung, aber als kommunale Ebene haben wir gezeigt, wie leistungsfähig wir sind. Nah an den Problemen der Menschen und eben auch nah an Lösungen.“
Der Main-Kinzig-Kreis verschärft derzeit den Umgang mit Ausbrüchen in Kitas und Schulen. Seit dieser Woche stehen auch doppelt so viele Schnelltestzentren zur Verfügung wie bisher. Parallel dazu wird in den beiden Impfzentren geimpft und es gibt Fortschritte beim Schutz von Risikogroppen. Gibt es da gerade zwei Pandemie-Realitäten – Fortschritt bei den einen und Verschärfung der Maßnahmen für die anderen?
Simmler: „Die Realität ist so, dass wir durch die Impfungen die Alten- und Pflegeheime wirklich schon signifikant besser schützen können. Das zeigt sich an den Fallzahlen in den stationären Einrichtungen und beim Inzidenzwert der Über-60-Jährigen. Durch die Virusvarianten, die sich bei uns im Kreis derzeit ausbreiten, werden einige Karten aber gerade neu gemischt. Wir haben in einzelnen Kindertagesstätten plötzlich Ausbruchsgeschehen, wie wir sie im letzten Jahr nicht gesehen haben mit einer Ausbreitung des Virus in sehr hoher Geschwindigkeit. Wo wir also Ausbrüche haben, müssen wir schnell und in größerem Umfang die Kinder und Erwachsenen isolieren und testen. Und wo wir einen solchen Ausbruch durch Schnelltests verhindern können, die der Kreis anbietet, haben wir ganz Wesentliches geschafft, nämlich den Unterricht beziehungsweise den Betreuungsbetrieb so weit wie möglich aufrechtzuerhalten. Insofern: Ja, wir erleben im Moment so etwas wie eine Übergangsphase, in der mehrere Realitäten zusammenkommen und sich überlagern.“
Wird die Impfaktion kurzfristig etwas an den Einschränkungen und Schutzmaßnahmen verändern?
Simmler: „Wir werben für die Corona-Schutzimpfung und auch für mehr Schnelltests, damit wieder mehr Freiheiten und Gemeinschaftlichkeit möglich werden. Viel wird weiterhin auch davon abhängen, wie eigenverantwortlich wir mit dem Virus umgehen, denn es geht nicht einfach weg, auch wenn wir uns das alle wünschen würden. Ich nehme mal zum Beispiel unsere eigens entwickelte App Cluster Diary: die einfach weiterhin zu führen, um bei einer möglichen Infektion möglichst schnell dem Gesundheitsamt die Kontaktdaten weitergeben zu können. So können wir schnell sein. Da werden sich unsere Realitäten glaube ich auch dauerhaft ändern. Eins bleibt aber – die Verantwortung muss jeder Einzelne von uns für sich und seine Mitmenschen übernehmen.“
Gemeinsam auf dem Sportplatz Fußball gucken, Weihnachten feiern in großem Familienkreis, Fastnachtssitzungen: Was glauben Sie, welches dieser größeren Ereignisse wird in der Region zuerst wieder möglich sein?
Simmler: „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre es ganz sicher eine Glaskugel, die mir die Antwort auf diese Frage liefert. Aber im Ernst, ich glaube, dass das in Zukunft vieles wieder möglich sein wird. Was im Freien mit Abstand stattfinden kann, wird sicher eher wieder möglich sein. Wo wenige Menschen zusammenkommen wird etwas eher erlaubt sein als etwas anderes mit großen Menschenansammlungen, ohne Schutz und Abstand. Von diesen Komponenten, im Wesentlichen also von den Hygienekonzepten und dem regionalen Infektionsgeschehen, wird es noch eine ganze Weile abhängen. Einerseits. Andererseits werden Impfungen und Schnelltests in Kombination einen entscheidenden Anteil haben, ob all das gegebenenfalls früher möglich ist. Leisten wir also einfach alle aktiv einen Beitrag, um schneller wieder Liebgewonnenes zu veranstalten und zu genießen.“
Auf dem Titelfoto: Auf einer Pressekonferenz am 3. März 2020 geben Gesundheitsamtsleiter Dr. Siegfried Giernat, Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler und Dr. Wolfgang Lenz Auskunft über den ersten Corona-Fall im Kreis und seine Folgen
Fotos: PM
